Press

Schlachthaus und Lichthof

Doch immer bleibt die menschliche Gestalt im Farbraum: Der Maler Norbert Tadeusz wird sechzig

Vollblutmaler sind in Deutschland, besonders heute, ziemlich rar. So ein Künstler ist der Düsseldorfer Norbert Tadeusz, der heute sechzig Jahre alt wird. Von früh auf beschäftigte ihn das Thema der menschlichen Gestalt, die er in ihrer farbräumlichen Präsenz, oft ausgesprochen gymnastisch agierend, auf die Leinwand spannte. Den Maler und Zeichner interessieren jedoch auch ganz banale Sujets, vom Staubsauger bis zum Elektrokabel, vom Strohballen bis zum Getreidesilo, denen er durch eine spezifische Beleuchtung, die manchmal an Edward Hopper erinnert, atmosphärische Lebendigkeit verleiht.

Vor dem großen Format hat Tadeusz keine Bange: Wer schon einmal eine Kunstexkursion auf die Insel Hombroich bei Neuss unternommen hat, dem wird sicher im Tadeusz-Pavillon das wandbildhafte Ensemble der vier monumentalen Kompositionen aufgefallen sein, auf denen sich ein vielfiguriges Treiben unter südlichem Licht Platz verschafft, eine Kutsche mit markantem Schatten inmitten des Gewimmels von Matrosen für einen diagonalen Akzent sorgt. Seit seiner Affinität zu Italien, wo er manche Museen und Altarbilder besser kennt als manch ein Kunsthistoriker, tauchen in seinen Lichthöfen nicht nur mediterrane Balustraden, Fensterläden und Pflanzen auf, sondern spiegelt sich seine Faszination für die energiegeladene Anmut des Pferdes und die Dynamik von Reiterspielen wider.

Der Körper auch der toten Kreatur bildet das Thema zahlreicher Variationen von Blicken in Schlachthäuser und Pferdeschlächtereien, die er in Italien in Skizzen festgehalten hat, um sie als plastisch eindringliche, stille Protagonisten im Düsseldorfer Atelier dann mit weiblichen Mitspielern, Klavieren und Stehleitern als groß dimensioniertes Tableau neu zu arrangieren.

Das Leitmotiv im Schaffen dieses Künstlers ist der weibliche Akt, ein Thema, dem er immer neue Facetten abgewinnt, zu deren zeichnerischer und malerischer Realisierung die Geduld und die Ausdauer der leidgeprüften Modelle nicht unerheblich beigetragen haben.

Der gebürtige Dortmunder, inzwischen seit einem knappen Jahrzehnt an der Braunschweiger Kunsthochschule lehrend, war Beuys-Schüler, eine Herkunft, die sich an den frühen, kaum bekannten Holzskulpturen und Bronzen unverkennbar ablesen lässt. Als Gegenpol zu den komplexen Großgemälden hat den Maler immer wieder das kleine Format interessiert. Hier ist es die Lakonie und das Gespür für Knappheit, die das Betrachterauge staunen lässt: eine winzige Liegende in Rot, ein gestreifter Teppich, ein kühles Treppengeländer, eine leere Liege auf der Terrasse, das Handtuch über einem Stuhl, eine rot markierte Terrazzo-Wendeltreppe, zwei geknickte Trinkhalme auf dem Linoleumfußboden, eine Hausecke, ein zerknülltes Kissen, dunkle Pullover an der Pier, ein Sarg auf einem gummibereiften Wägelchen. Es sind oft die Materialoberflächen und die Unterschiede der stofflichen Struktur, die den Bildern haptische Präsenz und sinnliche Griffigkeit geben.

Die farbigen Kühnheiten in den Gemälden, der stupende Sinn für raffinierten Bildbau und das Gespür für die Ausgewogenheit von Kolorit und Liniengerüst haben Norbert Tadeusz einen eigenen Rang in der Kunst unserer Tage verschafft, auch wenn er nicht auf Platz eins der Marktrenner rangiert. Diesen Sport überlässt er seinen spurtstarken Vollblütern.

Peter Winter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 2. 2000